In „unsicheren” Zeiten ... Nr. 5 - Immer nach Hause

Bildnachweis: Privat

Liebe ehrenamtlich Engagierte im Dekanat Mergentheim,
liebe Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen,
liebe Kollegen und Kolleginnen,

vielleicht ist es gerade auch Ihnen an den vergangenen freien Tagen schwergefallen, den persönlichen Kontakt zu Verwandten und Freunden ausfallen zu lassen.
Vielleicht haben Sie aber auch die Erfahrungen machen können, dass das Feiern der Kar- und Ostertage im kleinen Kreis der Familie oder häuslichen Gemeinschaft vor Ort eine ganz eigene Qualität hat.

Nun hat Sie vielleicht der – mehr oder weniger – normale Alltag wieder. Auch in der Politik richtet sich der Blick verstärkt nach vorn – nach den Empfehlungen der „Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina”, in welchen Schritten die Corona-Beschränkungen gelockert werden könnten.
Umgekehrt wird immer deutlicher, welche massiven Konsequenzen die Corona-Krise hat. Beispielsweise stehen im asiatischen Raum – etwa in Kambodscha und Bangladesch – viele Textilarbeiterinnen auf der Straße, nachdem große Modeunternehmen ihre Aufträge storniert haben.

Was „unsichere” Zeiten bedeutet, erfahren Menschen in anderen Teile der Welt noch viel tiefgreifender und existenzieller als wir …

Mit dieser Ausgabe von „In ‚unsicheren’ Zeiten” wollen wir Sie bitten: Halten Sie auf Ihrem Weg durch die nächste Zeit weiterhin die Augen offen – für all das, was Ihnen vor Ort und anderswo begegnet.


Dekanatsleitung und Dekanatsgeschäftsstelle
Dekanat Mergentheim

 

Immer nach Hause

Manchmal braucht es eine besondere Zeit– vielleicht auch eine „Corona-Krise” –, um auf bekannten Wegstücken Neues zu entdecken. So ging es mir bei einer meiner abendlichen Runden mit dem Fahrrad in der vergangenen Woche. Auf einer Anhöhe an einer Mauer am Wegrand, an der ich schon öfter vorbeigekommen war, entdeckte ich diesmal den oben abgebildeten Spruch: „Wo gehen wir hin?” – „Immer nach Hause!”, ist dort in großen Versalien in den Stein gemeißelt. Kleinere Lettern darunter verweisen auf Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, den im Alter von 28 Jahren 1801 gestorbenen Dichter der Romantik, der unter dem Namen Novalis bekannt ist. Aus dessen posthum erschienenem Romanfragment über den mittelalterlichen Minnesänger „Heinrich von Ofterdingen” stammt das Zitat am Wegesrand.

Es hat wohl bei mir einen Ausbruch aus dem Gewohnten, den Verlust von Sicherheiten des klaren Ablaufs des Alltags gebraucht, um diesen kurzen Dialog – im Roman zwischen einem Pilger und einem Mädchen – auf der Steinmauer zu entdecken, der mich zugleich sehr angesprochen hat. Vielleicht gilt: Nicht im Eingemauert-Sein der täglichen Routinen und im Möglichst-alles-klar-haben-Wollen kann ich Ansprechendes und Vertrautes finden, sondern gerade dann, wenn ich (allzu) Selbstverständliches hinter mir lasse oder lassen muss.

Heimat – all das, was Geborgenheit schenkt und Vertrauen ermöglicht – ist nicht im Festhalten zu bekommen, sondern im konkreten Gehen. Das wird mir deutlich – und das drückt auch das Zitat von Novalis aus. Gilt es nicht gerade jetzt, der trügerischen „Heimat” des Beständigen zu misstrauen und im Aufbruch – auch oder vielleicht gerade in dem, der uns aufgezwungen ist oder aufgenötigt erscheint – neue „Heimstätten” zu finden? Und diese Heimat ist dann eben auch nicht exklusiv und ausgrenzend, sondern erschließt sich all jenen, die mit offenen Augen und offenen Herzen Altes loslassen und unterwegs sind. Mehr noch: So wie das Mädchen im Roman von Novalis dem Pilger antwortet „Immer nach Hause!”, dürfen sich auch Menschen gegenseitig zusagen, dass ihr jeweiliger Aufbruch ein Weg sein kann, der sie immer mehr zu sich selbst und damit in die Heimat führt.

Auch die Bibel kennt viele Wegerfahrungen: Das Gelobte Land als Heimat ist nur zu finden, wenn der Aufbruch aus den vermeintlichen Sicherheiten der Knechtschaft in Ägypten gewagt wird – so sagt es eine Lesung der Osternacht (vgl. Ex 14,15–31). Die Emmausjünger sind unterwegs und haben Jerusalem, den Ort ihrer enttäuschten Hoffnungen, hinter sich gelassen. Doch gerade auf der Abendstation am Weg gingen ihnen die Augen auf (vgl. LK 24,31). Sie erkennen, dass ihre bisherigen Erwartungen trügerisch waren – wohl auch, weil sie ganz klar zu haben meinten, wie ihre Hoffnungen erfüllt werden. Mit offenen Augen erfahren sie nun, dass sie nur im Unterwegs-Sein und seinen Unsicherheiten nicht heimatlos werden.

Wenn wirklich jede Krise eine Chance sein sollte – wie ein geflügeltes Wort sagt –, dann vielleicht deshalb: Sie erinnert uns an unser Auftrag: Immer wieder „nach Hause zu gehen” und Heimat gerade im Unterwegs-Sein zu gestalten – für uns selbst und für andere …

Thomas Böhm
Dekanatsreferent


 

Was kann ich tun?

Vielleicht haben Sie Lust bekommen, den Auszug der Israeliten aus Ägypten oder die Emmaus­geschichte nachzulesen. Den einen Text finden Sie auch hier, den anderen hier.
Sie können sich dabei fragen: Was bedeutet für mich Heimat? Wo erfahre ich sie? Wo „igele” ich mich ein? Wo wage ich, mit offenen Augen neue Schritte auf anderen Wegen zu gehen?

In der Benediktinerabtei Kornelimünster bei Aachen hängt das Bild „Unterwegs nach Emmaus” der Künstlerin Janet Brooks-Gerloff, auf dem der Auferstandene die Emmausjünger unaufdringlich und doch erfahrbar begleitet. Das Bild sowie einen Meditationstext des ehemaligen Abts der Abtei Kornelimünster Albert Altenähr finden Sie hier.

„ALLES WIRD GUT to go” – ein solcher selbst gestalteter Zettel mit Abrissstreifen am unteren Rand ist unter anderem in der Bildergalerie „Das sind die schönsten Corona-Zettel” zu finden. Wenn sich jemand noch dazu überlegt, was er selbst tun kann, damit „alles gut wird“, ist dies ein echter erster und wichtiger neuer Schritt. Ein konkreter Schritt in Ungewohntes könnte etwa sein: #maskeauf – Eckart von Hirschhausen erklärt in diesem Video, warum das Sinn macht.