18.12.15

Einfühlungsvermögen ja, Egoismus nein

Notfallseelsorge im Main-Tauber-Kreis: Pfarrer Horst-Frithjof Tschampel steht seit Mitte November dem Leitungsteam vor / Derzeit 23 Einsatzkräfte, weitere wünschenswert
Sie brauchen Nerven wie Drahtseile, aber auch Sensibilität, Einfühlungsvermögen und Teamfähigkeit - jene 23 Notfallseelsorger im Main-Tauber-Kreis.

Immer einsatzbereit: Der Elpersheimer Pfarrer Horst-Frithjof Tschampel, seit Mitte November Vorsitzender des Leitungsteams der Notfallseelsorge, ist zuständig für den gesamten Main-Tauber-Kreis. (Foto: Klaus T. Mende)

Elpersheim/Main-Tauber-Kreis. Horst-Frithjof Tschampel ist als evangelischer Pfarrer oft gefordert. Nur wer seinen Beruf gerne habe, und das sei bei ihm der Fall, könne auch dann seine(n) Mann/Frau stehen, wenn andere schon nicht mehr dazu in der Lage seien. Bei seinem ehrenamtlichen Engagement als Notfallseelsorger treffe dies zu, macht er im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich. Denn hierbei gehe es bisweilen durchaus schon mal an die Grenzen der Belastbarkeit.

23 Personen, davon 20 Geistliche, umfasse augenblicklich, von Freudenberg bis Creglingen, der Kreis jener, die in der Notfallseelsorge ihren ehrenamtlichen Dienst in der Region verrichteten. „Wir könnten durchaus den einen oder anderen, der sich das zutraut, sehr gut gebrauchen”, so Tschampel. Der evangelische Pfarrer aus dem Weikersheimer Stadtteil Elpersheim fungiert seit Mitte November als Vorsitzender des Leitungsteams der im Übrigen ökumenisch tätigen Notfallseelsorge im Main-Tauber-Kreis.

Rund 40 Einsätze im Jahr

Notfallseelsorge ist psychosoziale und seelsorgerliche Krisenintervention im Auftrag der christlichen Kirchen. Sie ist darauf ausgerichtet, Opfer, Angehörige, Beteiligte und Helfer von Notfällen in der akuten Krisensituation zu beraten und zu stützen. Aber auch Hilfe nach häuslichen traumatischen Ereignissen, wie nach erfolgloser Reanimation, plötzlichem Kindstod und Suizid sowie Begleitung der Polizei bei der Überbringung von Todesnachrichten gehört zum Einsatzspektrum der Notfallseelsorge. Die Notfallseelsorger gehen direkt zum Ort des Geschehens. Die Alarmierung erfolgt über die integrierte Leitstelle.

„Durchschnittlich werden wir zu 40 Einsätzen pro Jahr gerufen”, weiß Tschampel, wobei die Fälle vollkommen unterschiedlich gelagert seien. Ausgerüstet mit Piepser, Einsatzhandy und Notfalltasche, betrage die Bereitschaftszeit jeweils eine Woche.

„Wenn wir angefordert werden, erfolgt dies jeweils durch die Integrierte Leitstelle. Dies kann ein schwerer Unfall sein oder aber in häuslicher Umgebung, und das ist zu 95 Prozent der Fall, zum Beispiel, wenn die Nachricht vom Tod oder einer erfolglosen Reanimation überbracht werden muss”, schildert der erfahrene Geistliche, der, ebenso wie seine Mitstreiter, rund um die Uhr gerufen werden könne.

Ein Notfallseelsorger im Einsatz sei ein wichtiges Glied einer insgesamt gut funktionierenden Kette. Hier seien aus diesem Grund keine Egoisten erwünscht, die sich selbst in den Vordergrund rückten. Vielmehr sollte Teamfähigkeit an den Tag gelegt werden, man müsse mit den Betroffenen ins Gespräch finden, Einfühlungsvermögen zeigen, zu ihnen schnell einen Draht bekommen, zuhören können und zudem belastungsfähig sein.

Vor Ort suche er zunächst den Kontakt zur Einsatzleitung, um sich ein genaues Bild machen zu können. Erst dann beginne seine eigentliche Arbeit. Die liege in erster Linie - sowohl am Unfallort als auch in der häuslichen Umgebung - vor allem darin, Verständnis aufzubringen, Trost zu spenden und damit zu beginnen, das Erlebte aufzubereiten und es zu verarbeiten. Es müsste stets ein Gefühl zur jeweiligen Situation entwickelt werden, nichts dürfe aufgedrängt werden. Selbstredend, dass dies alles unter dem Mantel der seelsorgerischen Schweigepflicht praktiziert werde. Und nach dem Einsatz sei es für den Seelsorger wichtig, wieder herunterzukommen und zu sich selbst zu finden. Bevor ein Protokoll geschrieben werde, könne auch helfen, dass man sich verbal austausche.

„Wer in der Notfallseelsorge tätig sein will, muss Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Baden-Württemberg sein und genügend Lebenserfahrung und Belastbarkeit mitbringen”, schickt Horst-Frithjof Tschampel, der auch als Polizeiseelsorger arbeitet, an die Adresse möglicher Zeitgenossen, die sich solch ein Engagement vorstellen können.

Von Vorteil wäre freilich eine psychologische oder seelsorgerische Ausbildung. Nach einem ersten Gespräch mit drei Mitgliedern des Leitungsteams, in dem gewissermaßen die Tauglichkeit (vor)untersucht werde, bestehe die Möglichkeit einer Hospitation mit einem Profi im Einsatz. Zudem gehöre zur „Ausbildung” ein einwöchiger Grundkurs, eine halbjährige Tätigkeit mit Begleitung eines Supervisors sowie ein Abschlusskurs.

So werde der Interessent auf Herz und Nieren geprüft - wenn er bis zum Ende am Ball bleibe, könne er ins Notfallseelsorgeteam aufgenommen werden.

Seit 2001 aktiv

Bereits seit 2001 gebe es, so Pfarrer Tschampel, die Notfallseelsorge im Main-Tauber-Kreis. Jetzt sei eine Geschäftsordnung erarbeitet und eine Satzung aufgestellt worden. „Für die Arbeit des Leitungsteams eine wesentliche Vereinfachung”, so der Geistliche gegenüber unserer Zeitung. Von Vorteil sei aus seiner Sicht auch, dass die katholische und evangelische Kirche mit diesem Angebot nicht mehr auf sich allein gestellt seien, sondern auch die Rettungsdienste und der Landkreis mit im Boot säßen, was der Koordination förderlich sei. Denn zum Leitungs- und Koordinationsteam gehörten neben zahlreichen Geistlichen beider Konfessionen unter anderem Kreisbrandmeister Alfred Wirsching, Matthias Hoffmann von der Integrierten Leitstelle, Rolf Lutz von der Polizei in Heilbronn, Erster Landesbeamter Dr. Ulrich Derpa sowie Vertreter des Deutschen Roten Kreuzes.

„Ich kann Interessenten nur ermutigen, sich zu melden. Denn solch eine Aufgabe ist in der heutigen Gesellschaft wichtig und wird auch sehr gerne angenommen”, so Horst-Frithjof Tschampel abschließend.

Klaus T. Mende, Fränkische Nachrichten, 16.12.2016, www.fnweb.de