12.05.16

„Verlasse mich auf meine Intuition”

Kurseelsorgerin: Schwester Brigitte Wahl von den Sießener Franziskanerinnen hat im April ihr neues Amt angetreten

Seit April ist Schwester Brigitte Wahl die neue katholische Kurseelsorgerin in Bad Mergentheim. Sie gehört der Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen von Sießen an, in deren Stadtkloster sie sich ab 2017 ebenfalls engagieren wird. (Foto: Bettina Semrau)

Bad Mergentheim. Die Zeiten, in denen wir krank sind, gehören zu unseren dunkelsten und bedürftigsten. Schwester Brigitte Wahl bringt als neue Kurseelsorgerin Zuversicht und Licht in düstere Lebensphasen.

Tausende Kurgäste kommen jedes Jahr nach Bad Mergentheim. Viele von ihnen haben schwere Operationen hinter sich, leiden danach unter Schmerzen oder massiven Einschränkungen. Seit der Gesundheitsreform werden Kranke nach dem Klinikaufenthalt immer schneller in die Anschlussheilbehandlung oder Reha verlegt. Dort sind sie weit weg von zu Hause, vom vertrauten Umfeld und von den Menschen, die ihnen Halt und Sicherheit geben.

„Ich begleite gerne Menschen in schwierigen Situationen”, sagt die 60-Jährige, die der Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen von Sießen angehört.

In der Pastoral gearbeitet
Nachdem die Kapuzinerpatres Bad Mergentheim im September letzten Jahres verlassen hatten, war die bis dahin von Pater Arno Dähling versehene Stelle der katholischen Kurseelsorge verwaist. Seit 1. April hat Schwester Brigitte nun diese Aufgabe übernommen. 30 Jahre lang hat sie in der Pastoral gearbeitet (siehe untenstehenden persönlichen Werdegang).

Als Reha- und Kurseelsorgerin verteilt sich ihre Arbeit auf verschiedene Aufgabengebiete. Gemeinsam mit ihrer evangelischen Kollegin Angelika Segl-Johannsen betreut sie zwölf Kliniken. In zwei von ihnen, Vötisch und Hohenlohe, hält sie jeweils einmal pro Monat einen Gottesdienst ab, denn die Patienten hier sind aufgrund ihrer orthopädischen Erkrankungen meist weniger mobil.

In Kooperation mit der Kurverwaltung bietet Schwester Brigitte außerdem Veranstaltungen an wie etwa Vorträge über das Klosterleben oder „Meditative Texte und Klänge” mit dem Kur- und Salonorchester Hungarica.

Darüber hinaus steht sie zu persönlichen Gesprächen zur Verfügung. Die finden dann im geräumigen Seelsorgezimmer im Haus des Kurgastes inmitten des Kurparks statt, von dem aus man einen herrlichen Blick auf Blumenrabatte und weitläufige Rasenflächen hat. Neben ihren Pflichten als Kurseelsorgerin wird Schwester Brigitte maßgeblich in dem neuen geistlichen Zentrum mitwirken, das die Franziskanerinnen von Sießen in ihrem neuen „Stadtkloster”, dem ehemaligen Bad Mergentheimer Kapuzinerkloster, ab Frühjahr 2017 etablieren werden. Hier wird es vielfältige Angebote geben, berichtet Schwester Brigitte. Vom „Kloster auf Zeit” und geistlicher Begleitung bis hin zu Lebensberatung.

Doch im Moment steckt Schwester Brigitte all ihre Energie in die Aufgabe als Kurseelsorgerin. Für die Einarbeitung hat sie sich bis August Zeit gegeben. Zurzeit hospitiert sie bei Pfarrerin Segl, begleitet sie in die Kliniken und stellt sich bei Verantwortlichen und Kurgästen vor. Da gibt es viel Neues und Unbekanntes zu entdecken. Denn Schwester Brigitte hat zwar schon in der Krankenhaus- und Kurseelsorge in Bad Saulgau gearbeitet, doch das war nur für eine relativ kurze Zeit. Das Aufgabengebiet hier ist also gleichzeitig neu für sie - und auch wieder nicht. Denn von einer Seelsorgerin wie Schwester Brigitte erhoffen sich die Menschen immer gleichartige Unterstützung. „Orientierung und die Annahme als Mensch in der augenblicklichen Situation”, seien es, was die Menschen bei ihr suchten.

Viele fühlten sich ohnmächtig, wüssten nicht, wie es in ihrem Leben weitergeht. Im Beruf ebenso wie in der Partnerschaft. „Sie wollen Änderung schaffen, weil es nicht mehr geht wie bisher”. Schwester Brigitte sieht ihre Aufgabe darin, ihnen einen Raum bieten, wo „ihre Hilflosigkeit, ihre schwache Seite sein darf”. Das sei besonders wichtig „in unserer Gesellschaft, in der man immer stark sein muss”.

Ob sie in den Gesprächen auch auf Gott zu sprechen kommt, entscheide „aus dem Bauch heraus. Da verlasse ich mich auf meine Intuition”. Denn während manche sie auf ihren Glauben ansprächen und sich Rat holen wollten „bei jemandem, der sich mit Gott auskennt”, verhielten sich andere, vor allem jüngere, oft „distanzierter und vorsichtiger”.

Doch gerade bei Menschen, die sich bislang wenig mit Gott beschäftigt haben, ist sie immer wieder auf eine ursprüngliche Sehnsucht „nach einem transzendenten Wesen, einer Kraft, die mein Leben bestimmt” gestoßen. Diese Erfahrungen, die sie vor allem auch in ihren letzten fünf Jahren in Dresden gesammelt hat, haben sie „stark für meine weitere Arbeit inspiriert und ermutigt”.

Manchmal steiniger Weg
Vielleicht ist die Geistliche deshalb so überzeugend, weil sie die Zweifel und die Wut auf Gott nur allzu gut kennt, die einen beschleichen, wenn man mit dem Unheil und Unrecht in der Welt konfrontiert würde. Sie musste einen langen und steinigen Weg gehen, bis sie „die Grundfrage des Glaubens, dass es einen guten Gott gibt, der dein Leben in Händen hält und dafür sorgt, dass es gut wird”, für sich befriedigend beantworten konnte.

Es war die Begegnung mit einer Schwester, die sie als junge Studentin bei Exerzitien im Kloster Sießen hatte, die von einem auf den anderen Moment alles für sie geändert hat. Damals hat sie an eigenem Leib erfahren, „dass wir Menschen blinde Flecken haben, oft an den entscheidenden Punkten. Deshalb brauchen wir immer wieder andere Menschen, die uns helfen”.

Schwester Brigitte Wahl: Persönlicher Werdegang
Schwester Brigitte Wahl wurde 1955 in Göppingen geboren und wuchs in Eislingen an der Filz auf.
Sie studierte Katholische Theologie in Tübingen und Münster/Westfalen.
Ihre pastoral-praktische Ausbildung erhielt sie in Freiberg am Neckar, Dekanat Ludwigsburg.
Im September 1983 wurde sie als Pastoralreferentin der Diözese Rottenburg-Stuttgart beauftragt.
Pastoral wird die Seelsorge in der römisch-katholischen Kirche oft genannt. Der Begriff bezieht sich auf den Hirtendienst (abgeleitet vom lateinischen „pastor”, Hirte) im Sinne geistlicher Anleitung.
30 Jahre hat Schwester Brigitte in ganz verschiedenen pastoralen Feldern Berufserfahrung gesammelt.
Sie arbeitete an der Begegnungsstätte Landpastoral Leutkirch in der Förderung der Laien im ländlichen Raum und in der Jugendpastoral im Auftrag des Klosters Sießen.
In Bad Saulgau übernahm sie 1994 die Krankenhaus- und Kurseelsorge.
Danach arbeitete sie als religionspädagogische Dozentin in eine Fachschule für sozialpädagogische Berufe.
Von 2002 war sie Generalvikarin, also Stellvertreterin der Generaloberin von Sießen.
In den letzten fünf Jahren war Schwester Brigitte im Bistum Dresden-Meißen im Bereich Berufungspastoral und lokale Kirchenentwicklung tätig.
Schwester Brigitte Wahl gehört der Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen von Sießen an, die seit über 100 Jahren in Bad Mergentheim wirkt, vor allem in der Grund- und Realschule St. Bernhard.

Bettina Semrau, Fränkische Nachrichten, 11.05.2016, www.fnweb.de